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Tag der Arbeitslosen: Sozialstaat verliert massiv an Schutzkraft
Anlässlich des Tags der Arbeitslosen warnt das Momentum Institut vor einer zunehmenden sozialen Schieflage: Erwerbsarbeitslose Menschen sind in Österreich besonders stark von Armut(-sgefährdung) bedroht. Gleichzeitig schützt der Sozialstaat sie immer schlechter davor, unter die Armutsgefährdungsschwelle zu rutschen. Das zeigt eine aktuelle Analyse auf Basis von EU-SILC-Daten der Statistik Austria.
Vor Sozialleistungen wären im Jahr 2025 rund 237.000 arbeitslose Menschen armutsgefährdet gewesen. Nach Sozialleistungen sind es immer noch 160.000. Der Sozialstaat reduziert die Armutsgefährdung damit um 77.000 Personen beziehungsweise 32 Prozent. Zum Vergleich: 2019 lag diese Reduktion noch bei 46 Prozent. Damals senkte der Sozialstaat die Zahl der armutsgefährdeten Arbeitslosen von 259.000 auf 139.000 Personen. Damit hat die Schutzwirkung des Sozialstaats seit 2019 um 14 Prozentpunkte abgenommen. Besonders auffällig ist die Entwicklung seit 2023: Während damals nach Sozialleistungen 130.000 Arbeitslose armutsgefährdet waren (42 Prozent), stieg diese Zahl 2024 auf 135.000 (42 Prozent) und 2025 auf 160.000 Personen (45 Prozent).

„Arbeitslosigkeit bedeutet für viele Menschen nicht nur den Verlust des Jobs, sondern auch den Absturz in finanzielle Unsicherheit. Der Sozialstaat schützt vor Armut – aber er tut es bei Arbeitslosen immer weniger. Genau in dieser Situation Leistungen nicht an die Teuerung anzupassen oder im Zuge der Budgetkonsolidierung sogar zu kürzen, verschärft die Lage der Betroffenen massiv“, gibt Sophie Achleitner, Ökonomin am Momentum Institut, zu bedenken.
Jede:r zweite Arbeitslose:r armutsgefährdet

Auch der Blick auf besonders gefährdete Gruppen macht die Dramatik deutlich: Erwerbsarbeitslose weisen 2025 mit 45 Prozent die höchste Armutsgefährdungsquote auf. Sie sind damit stärker betroffen als Alleinerziehende mit 41 Prozent, Nicht-Österreicher:innen mit 38 Prozent oder Mehrkindhaushalte mit 35 Prozent. Auch Mietende sind mit 30 Prozent, Kinder mit 23 Prozent und alleinlebende Pensionistinnen mit 27 Prozent deutlich überdurchschnittlich armutsgefährdet. Die Armutsgefährdungsquote der Bevölkerung in Österreich insgesamt liegt bei 16 Prozent.
„Arbeitslose sind in Österreich die am stärksten armutsgefährdete Gruppe. Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein politisches Problem. Wenn fast jede zweite arbeitslose Person armutsgefährdet ist, dann ist schlicht die Absicherung zu gering“, so Achleitner weiter.
Besonders problematisch ist, dass Arbeitslosengeld und Notstandshilfe nicht an die Inflation angepasst werden. Auch Familienleistungen bleiben zur Budgetsanierung weiterhin eingefroren. Während Mieten, Energie und Lebensmittel in den vergangenen Jahren stark teurer geworden sind, verlieren die Leistungen real an Wert. Für Betroffene heißt das: Jeden Monat bleibt weniger Geld zum Leben.
Das Momentum Institut empfiehlt daher eine deutliche Stärkung der sozialen Absicherung bei Arbeitslosigkeit. Arbeitslosengeld und Notstandshilfe müssen automatisch an die Inflation angepasst werden und das Arbeitslosengeld sollte von aktuell 55 Prozent des letzten Nettoeinkommens auf 70 Prozent erhöht werden. Ebenfalls sollte die Notstandshilfe in der vollen Höhe des Arbeitslosengeldes ausbezahlt werden. Außerdem braucht es eine bessere Absicherung bei längerer Arbeitslosigkeit sowie mehr Investitionen in (Re-)Qualifizierung und aktive Arbeitsmarktpolitik. „Arbeitslose Menschen brauchen keine zusätzlichen Sanktionen und keine Kürzungen, sondern Sicherheit und Perspektiven. Wer Armut verhindern will, muss den Sozialstaat stärken – gerade dort, wo Menschen besonders verletzlich sind“, sagt Achleitner abschließend.