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Sommer der Überhitze: Neues Tool zeigt Hitze-Ungerechtigkeit in 37 europäischen Ländern
Während sich Europa schneller als jeder andere Kontinent erhitzt, belastet Hitze aber längst nicht alle Menschen gleich. Mit der neu präsentierten interaktiven Hitze-Ungleichheitskarte (Heat Inequality Map) macht das Momentum Institut sichtbar, wie es um Hitzebelastung und soziale Ungleichheit in Europa steht. Die interaktive Karte umfasst 1.345 Regionen in 37 europäischen Ländern und verbindet Klimadaten des Copernicus-Klimadiensts mit Sozialdaten von Eurostat.
Das Open-Source Projekt kombiniert sieben amtliche Datenquellen – drei Klimaindikatoren (Hitzebelastung, mittlere Sommertemperatur, Hitzetage ≥ 30 Grad) und vier Sozialindikatoren (Anteil 65-plus, Anteil Kinder unter 14 Jahren, Armutsgefährdung, Überbelegung bei Wohnraum) – für 1.345 europäische Regionen. Das Tool erlaubt den Zoom von Europa bis zur Einzelregion, verzichtet auf Schätzwerte und markiert fehlende Daten grau. Geplant sind zusätzliche Ebenen für Schutzinfrastruktur und Klimaprojektionen des Weltklimarats bis 2050.
Der vergangene „Sommer der Überhitze" zeigt eindrücklich, was eine einfache Temperaturangabe verschleiert: 35 Grad Celsius bedeuten für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen völlig verschiedene Realitäten. Wer in einer schlecht gedämmten Wohnung lebt, keine Möglichkeit hat, ins Grüne zu fliehen oder Zugang zu klimatisierten öffentlichen Räumen hat, trägt die Last der Hitze unverhältnismäßig stärker.
Vor der am Montag, 9. November, beginnenden UN-Klimakonferenz COP empfiehlt das Momentum Institut der Regierung, dass Hitze-Ungerechtigkeit zunehmend zur politischen Priorität werden muss. Besonders dramatisch ist die Situation in Österreich: Denn das Land hat das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens, die globale Erwärmung möglichst auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, längst überschritten. Seit dem vorindustriellen Referenzzeitraum (1850–1900) hat sich Österreich im Jahresmittel bereits um rund 2,9 bis 3,1 °C erwärmt und sich damit doppelt so schnell erhitzt wie der weltweite Durchschnitt.
Die Auswertung verdeutlicht die zentralen Herausforderungen, die aus der verschärften Klimakrise entstehen: Etwa Wien verzeichnet mit 20 Hitzetagen pro Sommer die höchste kombinierte Belastung in Österreich, doch im Nordburgenland sind bei ähnlich vielen heißen Tagen die Armutsquoten deutlich niedriger. Zugleich werden im städtisch dicht verbauten Bereich sogenannte „Hitzeinseln” zu einer großen Belastung. Der Hitzestau trifft dabei Menschen in schlechten Wohnverhältnissen besonders. Energiearmut schlägt sich in schlecht isolierten Wohnungen und fehlenden Finanzmitteln zur Kühlung nieder. Auch besteht keine Möglichkeit, auf einen kühleren Zweitwohnsitz am Land auszuweichen. Was für die einen vielleicht ein halbwegs tolerabler Sommertag bleibt, kann für andere zur gesundheitlichen Gefährdung werden.
„Eine Wetterkarte zeigt eben, wie heiß es ist. Aber sie verrät uns nichts darüber, wer die Hitze wirklich spürt und wer die Ressourcen hat, sich davor zu schützen. Wir brauchen politische Lösungen, die diese Unterschiede endlich ernst nehmen", gibt Barbara Blaha, Leiterin des Momentum Institut, zu bedenken.
Besonders betroffen in Europa sind laut Analyse Südosteuropa-Regionen. Die zehn Regionen mit der höchsten Gesamtbelastung liegen in Bulgarien, Rumänien und Griechenland. Yambol in Bulgarien zählt durchschnittlich 34 Hitzetage pro Sommer, zugleich leben hier über 27 Prozent der Bevölkerung in Altersarmut. Dolj in Rumänien verzeichnet sogar rund 46 Hitzetage pro Sommer bei mehr als einem Viertel armutsgefährdeter Bevölkerung.
Europäisches Netzwerk & technische Erweiterungen
Das Tool ist als Projekt in das europäische Netzwerk set-network.eu, bestehend aus Thinktanks und Organisationen in unterschiedlichen europäischen Ländern, eingebettet. Ziel ist es, mit diesem längerfristigen Kooperationsprojekt die Folgen der verschärften Klimaungerechtigkeit über Landesgrenzen hinaus greifbar zu machen. Dafür ist demnächst noch geplant die dritte Ebene – Schutzinfrastruktur wie Parks, Wälder und kühle öffentliche Räume –auf der Karte sichtbar zu machen. Ein interaktiver Schieberegler soll weiters Vergleiche zwischen aktuellen Bedingungen und Klimaszenarien für 2035 und 2050 nach IPCC-Vorgaben ermöglichen.
„Der Sommer der Überhitze war kein Zufall – er ist die Rechnung der Vergangenheit und der Vorbote der Zukunft. Ohne drastische Emissionsreduktion werden 35 Grad zur Normalität, und wer sich Kühlung nicht leisten kann, bleibt zurück. Die Hitze-Ungerechtigkeits-Karte macht sichtbar, wo Hitze und soziale Verletzlichkeit zusammenfallen. Verschleppte Klimapolitik geht auf Kosten der Ärmsten. Wie viele weitere Sommer mit Extremhitze müssen noch vergehen, bis die Politik endlich entschlossen handelt", so Blaha abschließend.
Die Hitze-Ungleichheits-Karte ist unter https://www.heat-inequality-map.com öffentlich zugänglich. Alle verwendeten Daten stehen weiters zum Download bereit.
