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Mehrwertsteuersenkung: Österreich im EU-Spitzenfeld
Mit 1. Juli senkt Österreich die Mehrwertsteuer auf ausgewählte Nahrungsmittel von 10 auf 4,9 Prozent und befördert das Land damit in das EU-Spitzenfeld der niedrigsten Steuern auf Lebensmittel. Das Momentum Institut sieht darin eine richtige und notwendige Maßnahme gegen die anhaltend hohen Lebensmittelpreise – die Maßnahme wird im kommenden Jahr die Inflation um 0,19 Prozentpunkte drücken. Gleichzeitig zeigt die Analyse: Die Entlastung wirkt zwar sozial treffsicher, da einkommensärmere Haushalte relativ zu ihrem Einkommen stärker entlastet werden. Die Ausgestaltung der Regierung schöpft aber das noch schlummernde Potenzial nicht gänzlich aus, Ärmere könnten gezielt stärker geschützt werden.
Im europäischen Vergleich verändert die Senkung der Mehrwertsteuer Österreichs Position deutlich. Bisher lag Österreich mit 10 Prozent Umsatzsteuer auf Lebensmittel im Mittelfeld unter anderem hinter Ländern wie Deutschland mit 7 Prozent oder Frankreich mit 5,5 Prozent. Künftig liegt Österreich mit 4,9 Prozent vor fast allen EU-Staaten. Nur Irland, Malta und Zypern mit 0 Prozent sowie Luxemburg mit 3 Prozent sowie Spanien und Italien mit jeweils 4 Prozent haben niedrigere Sätze. Österreich hat damit künftig den siebtniedrigsten Umsatzsteuersatz auf (Grund-)Nahrungsmittel in der EU. In Ländern mit unterschiedlichen Steuersätzen für Lebensmittel des täglichen Bedarfs wurde der niedrigste Steuersatz herangezogen. Nicht berücksichtigt wurden Produkte wie Babynahrung oder diätologische Lebensmittel.

„Österreich geht hier keinen Sonderweg. Viele europäische Länder haben in den vergangenen Jahren bei Lebensmittelsteuern oder -preisen eingegriffen, um Haushalte von der massiven Teuerung zu entlasten. Neu ist: Österreich rückt mit 4,9 Prozent jetzt in das europäische Spitzenfeld vor“, erläutert Paul Steinmaßl, Ökonom am Momentum Institut.
Spät aber doch
Der Schritt kommt sehr spät, aber in einer weiterhin angespannten Lage. Zwischen 2022 und einschließlich 2025 stiegen die Lebensmittelpreise um 18 Prozent. Der allgemeine Verbraucherpreisindex legte im selben Zeitraum um rund 15 Prozent zu. Damit wurden Lebensmittel deutlich stärker teurer als der durchschnittliche Warenkorb, der zur Inflationsberechnung herangezogen wird. Zuletzt zog die Teuerung wieder deutlich an: Lag sie im Januar 2026 nach Jahren einer Hochinflation endlich wieder bei dem 2-Prozent-Zielwert, betrug sie zuletzt wieder 3,7 Prozent. Aufgrund der Konsummuster trifft die Inflation ärmere Haushalte deutlich stärker als einkommensstärkere Haushalte. So etwa gibt das unterste Einkommensfünftel 18 Prozent des Einkommens für Lebensmittel aus, das reichste hingegen nur 12 Prozent.

Die Mehrwertsteuersenkung wird die Inflation im Zeitraum von 1. Juli 2026 bis 30. Juni 2027 um 0,19 Prozentpunkte dämpfen. „Gerade angesichts der zuletzt wieder steigenden Inflation ist das ein relevanter Beitrag zur Entlastung, die Regierung muss eine jede Maßnahme im Werkzeugkoffer gegen die Teuerung ergreifen. Den Fehler der langsamen und zähen Inflationsbekämpfung sollte sie nicht wiederholen“, so Steinmaßl weiter.
Maßnahme schützt Ärmere relativ am stärksten – mit Potenzial nach oben
Verteilungspolitisch zeigt sich ein klares Bild: In absoluten Eurobeträgen steigt die jährliche Ersparnis mit dem Einkommen leicht an. Das einkommensärmste Fünftel spart im Schnitt 77 Euro pro Jahr, das zweite Fünftel 92 Euro, das mittlere 95 Euro, das vierte 100 Euro und das einkommensreichste Fünftel 108 Euro. Das reichste Fünftel spart damit absolut 31 Euro mehr als das ärmste.

Relativ zum Einkommen dreht sich das Bild aber deutlich: Das einkommensärmste Fünftel wird um 0,43 Prozent des Haushaltseinkommens entlastet. Beim zweiten Fünftel sind es 0,23 Prozent, beim dritten 0,19 Prozent, beim vierten 0,15 Prozent und beim reichsten Fünftel nur 0,11 Prozent. Die relative Entlastung ist beim ärmsten Fünftel damit fast viermal so hoch wie beim reichsten. Genau deshalb ist die Senkung grundsätzlich sozial wirksam. „Die Maßnahme hilft dort am meisten, wo Lebensmittelausgaben einen besonders großen Teil des Budgets ausmachen. Aber die Regierung hätte mehr herausholen können: Wäre die Liste stärker an den Konsummustern einkommensarmer Haushalte ausgerichtet, könnten diese zusätzlich um rund 40 Euro im Jahr entlastet werden“, rechnet Steinmaßl vor.
In europäischer Gesellschaft
Auch andere Länder haben zuletzt Lebensmittel steuerlich entlastet. Spanien und Polen setzten temporär auf 0 Prozent für Grundnahrungsmittel. Zypern hat den Nullsteuersatz auf bestimmte Grundnahrungsmittel seit 2023 mehrfach verlängert. Schweden senkt den Steuersatz auf Lebensmittel ab 2026 vorübergehend von 12 auf 6 Prozent, Lettland reduziert ihn für Brot, Milch, Eier und Geflügel von 21 auf 12 Prozent. In Slowenien soll in Kürze der Steuersatz von 9,5 auf 5 Prozent für Grundnahrungsmittel reduziert werden. Österreich liegt mit der Senkung also im europäischen Trend.
Entscheidend ist nun, ob die Entlastung tatsächlich bei den Konsument:innen ankommt und nicht als Margen-Auffettung von den Handelskonzernen zweckentfremdet wird. Daher empfiehlt das Momentum Institut wirksame Kontrollen, Preis-Transparenz und vor allem eine Deckelung von Gewinnmargen bei ausgewählten Grundprodukten von Handelsriesen.