• Momentum News
  • Posts
  • Kinderbetreuung: Niederösterreich und Burgenland holen auf – Oberösterreich und Steiermark sind Schlusslicht

Kinderbetreuung: Niederösterreich und Burgenland holen auf – Oberösterreich und Steiermark sind Schlusslicht

Österreich ist im EU-Vergleich bei der Kinderbetreuung weiterhin im Hinterfeld: Das frühere EU-Ziel von 33 Prozent Betreuungsquote bei den unter 3-Jährigen wurde erst 2024, vier Jahre zu spät, erreicht. Zum neuen EU-Ziel von 45 Prozent bis 2030 fehlen mit einer aktuellen Quote von 36 Prozent noch neun Prozentpunkte. Doch weit schwerwiegender als die reine Betreuungsquote wiegt die Qualität des Angebots: Ein erheblicher Teil der Betreuung ist nicht mit einer Vollzeitbeschäftigung der Eltern vereinbar, wie eine Detailanalyse des Momentum Instituts zur Kindertagesheimstatistik aus dem neuen Policy Brief "Kinderbildung und -betreuung: zwischen Betreuungsplatz und Vollzeitjob" zeigt.

Ein Platz ist noch kein vollzeittauglicher Platz

Gemessen am VIF-Indikator (Vereinbarkeit von Beruf und Familie – mind. 47 Wochen im Jahr, mind. 45 Wochenstunden, montags bis freitags, mind. 9,5 Stunden an vier Tagen sowie Mittagessen) sind in Österreich nicht einmal zwei Drittel der unter 3-Jährigen und nur knapp 60 Prozent der 3- bis 5-Jährigen vollzeittauglich betreut. Eine Vollzeitbeschäftigung beider Eltern ist damit in vier von zehn Fällen kaum möglich.

Die Bundesländer im Vergleich: Wien klar vorne, Oberösterreich und Steiermark deutlich abgeschlagen

Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind enorm: Bei den unter 3-Jährigen erreicht Wien mit 46,1 Prozent nicht nur die höchste Betreuungsquote und als einziges Bundesland das EU-2030-Ziel von 45 Prozent, sondern mit 89 Prozent auch die mit Abstand höchste VIF-konforme Betreuung. Es folgen Vorarlberg (72 Prozent) und Kärnten (71 Prozent). Am unteren Ende liegen Oberösterreich (27 Prozent) und die Steiermark (33 Prozent).

Das Balkendiagramm trägt den Titel „Zeitverlauf der VIF-konformen Besuchsquoten der unter 3-Jährigen in den Bundesländern“. Es zeigt den prozentuellen Anteil der Kinder unter drei Jahren in vollzeittauglicher Betreuung in den neun österreichischen Bundesländern. Für jedes Bundesland werden die Betreuungsquoten der Jahre 2019/20 und 2025/26 gegenübergestellt. Dadurch wird sichtbar, in welchen Bundesländern der Anteil der Kinder in vollzeittauglicher Betreuung gestiegen oder gesunken ist.

Beim Ausbau seit 2019/20 zeigt sich: Niederösterreich steigerte seine VIF-Quote bei den unter 3-Jährigen um 31 Prozentpunkte (von 32 auf 63 Prozent), das Burgenland bei den 3- bis 5-Jährigen sogar um 41 Prozentpunkte (von 33 auf 74 Prozent). Rückschritte gab es dagegen in der Steiermark (-14 Prozentpunkte bei den unter 3-Jährigen) und Wien (-5 Prozentpunkte), das dennoch abgeschlagen an der Spitze bleibt.

Top- und Flop-Bezirke: Von 100 Prozent in Eisenstadt bis 1 Prozent in Schärding

Auf Bezirksebene klaffen die Unterschiede noch weiter auseinander. An der Spitze der VIF-konformen Betreuung der unter 3-Jährigen liegen Eisenstadt (Stadt) mit 100 Prozent, gefolgt von Korneuburg (91,7 Prozent) und Linz (Stadt) (87,1 Prozent). Am unteren Ende dominiert Oberösterreich: Schärding bildet mit 1,2 Prozent das traurige Schlusslicht, gefolgt von Murau (3,4 Prozent) und Liezen (4,8 Prozent). Zwölf der 20 schwächsten Bezirke liegen in Oberösterreich, fünf in der Steiermark. Bei den 3- bis 5-Jährigen erreichen Eisenstadt und Rust je 100 Prozent – Schärding liegt hier mit 11,3 Prozent ebenfalls auf dem letzten Platz. Wien hat die höchste VIF-konforme Betreuungsquote aller Bundesländer, daher ist die Bundeshauptstadt in der Analyse der Top und Flop Bezirke nicht enthalten. Die gesamte Liste mit den Top und Flop 20 Bezirken finden sich im Anhang des Policy Briefs.

Die Grafik trägt den Titel „Vollzeittaugliche Kinderbetreuung – Die Top- und Flop-10-Bezirke“. Sie zeigt ein Ranking der österreichischen politischen Bezirke nach dem Anteil der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren, die mit einer Vollzeitbeschäftigung vereinbar sind. Dargestellt sind die zehn Bezirke mit den höchsten und die zehn Bezirke mit den niedrigsten Anteilen. Zu den Bezirken mit den höchsten Betreuungsquoten zählen Schärding, Murau und Liezen. Die Grafik verdeutlicht damit die großen regionalen Unterschiede bei der vollzeittauglichen Kinderbetreuung.

Innerhalb einzelner Bundesländer ist die Spreizung enorm: In Oberösterreich reichen die Werte von 1 Prozent (Schärding) bis 87 Prozent (Linz-Stadt), im Burgenland von 22 bis 100 Prozent.

„Ob sich Familie und Vollzeiterwerb vereinen lassen, hängt in Österreich anscheinend auch mit dem Wohnort zusammen: Während in Eisenstadt 100 Prozent der betreuten Kleinkinder einen vollzeittauglichen Platz haben, ist es im oberösterreichischen Schärding gerade einmal ein Prozent", erläutert Sophie Achleitner, Ökonomin am Momentum Institut.

Der Zusammenhang mit der weiblichen Teilzeitquote

Bezirke mit hoher vollzeittauglicher Betreuung zeigen deutlich niedrigere weibliche Teilzeitquoten: In den Top-20-VIF-Bezirken liegt die durchschnittliche Teilzeitquote der Frauen bei 50,8 Prozent, in den 20 schwächsten Bezirken bei 59,3 Prozent (unter 3-Jährige) bzw. 57,4 Prozent (3- bis 5-Jährige). Rund 40 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen nennen laut Statistik Austria die Betreuungssituation als Grund gegen Vollzeit; bei Müttern mit Kindern unter 15 sind es über 80 Prozent.

Das Balkendiagramm trägt den Titel „In jenen Bezirken, in denen die meisten Kinder in vollzeittauglicher Betreuung sind, sind weibliche Teilzeitquoten signifikant niedriger“. Es zeigt die durchschnittlichen Teilzeitquoten von Frauen in den Jahren 2020 bis 2025/26, getrennt nach den 20 politischen Bezirken mit den höchsten und den 20 Bezirken mit den niedrigsten Anteilen an vollzeittauglicher Betreuung für Kinder unter drei Jahren. Dabei wird deutlich, dass die Teilzeitquoten von Frauen in den Top-20-Bezirken über den gesamten Zeitraum signifikant niedriger sind als in den Bottom-20-Bezirken.

Die Teilzeitquote von Frauen liegt in Top-20-VIF-Bezirken 2025/26 um 6,6 Prozentpunkte niedriger als in den untersten 20 (3-5-Jährige). „In den Bezirken mit der besten vollzeittauglichen Betreuung liegt die Teilzeitquote der Frauen um bis zu 8,5 Prozentpunkte niedriger als in den schwächsten. Wenn der Kindergarten um 14 Uhr schließt, sind es meistens die Mütter, die den Rest des Tages übernehmen und das oft auf Kosten ihrer Vollzeitgehälter und ihrer Karriere“, so Achleitner abschließend.

Das Momentum Institut empfiehlt daher den Ausbau vollzeittauglicher und kostenloser sowie flächendeckender Einrichtungen, eine Ausbildungsoffensive für Elementarpädagog:innen, bessere Arbeitsbedingungen und Entlohnung. Des Weiteren einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag sowie ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr. Das wurde zwar von der Regierung angekündigt und soll ab Herbst 2027 starten, die tatsächliche Ausgestaltung davon ist aktuell aber weiterhin offen.